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Sylvia Schirmer, These einer Geschichtenerzählerin

Ich erzähle meine Geschichte über die frisch gefangene Renke aus dem Starnberger See. Die Renke wurde noch am letzten Tag vor der Schonzeit gefangen, in Ambach vom Schober-Fischer. Ich bin selbst dort gewesen, an diesem Tag, auf Besuch, habe einen schönen Spaziergang am Seeufer entlang gemacht, auf den See geschaut und dem Fischer in die lebendigen Augen, von dem ich den frischen Fisch gekauft habe. Dann habe ich den frischen Fisch heimgebracht, in die Stadt, nach einem letzten Blick auf den Sonnenuntergang überm See. Gleich am nächsten Tag habe ich die Renken selbst gekocht und mit einem Besucher und Kindern zusammen zu Mittag gegessen, mit der Geschichte von der letzten Renke und dem Schober-Fischer vom Starnberger See als grandiose Beilage. Jetzt kommt es: die Verwunderung, der Fisch macht uns alle für viele, viele Stunden satt. Warum wohl?

Und hier gibt es noch eine längere Abhandlung dazu für Interessierte:

Satt? oder Ursachenforschung des Phänomens: Noch nicht satt trotz Überfluss?

Chemisch, medizinisch, physisch müsste es doch eintreten, das Gefühl: „Jetzt bin ich satt.“ Was sich stattdessen bemerkbar macht, ist das Gegenteil! Je mehr sich der Wohlstandsbürger „einverleibt“, desto mehr meint er, kurz darauf „nachschieben“ zu müssen! Die Zufriedenheit und das Wissen, so, ich habe jetzt gut gegessen und bin für die nächsten Stunden ausgezeichnet versorgt, verflüchtigt sich im Handumdrehen und weicht der erneuten Gier, dem Heißhunger!

Wodurch kommt wohl das Mangelgefühl, das sich nicht versorgt fühlen, die Unruhe, gleich kurz nach dem üppigen Mittagsmenü. Weil die Info: „Ich habe mich ausreichend satt gegessen, bin nun für die nächsten Stunden gut versorgt“ im Gehirn nicht ankommt, obwohl das Essen im Magen liegt.

Ein Ur-Bild: Ein Baby wird gestillt, ist es gesättigt, lässt es die Milch seitlich aus dem Mundwinkel laufen, schlummert selig ein. - Das ist es doch, wonach wir uns sehnen und kriegen es nicht! Die Verkettelung der inneren Unzufriedenheit. Das Gefühl, nicht wirklich das gekriegt zu haben, was man braucht – hungrig bleiben trotz Überfluss, unzufrieden.

Radikalkuren, Diäten, sich einschränken und beherrschen, abrackern im Fitness-Studio, das ist der Weg für die, die sich entscheiden, in Form zu bleiben. Mühsam, mit viel Anstrengung den Gierschlund im Zaum halten. Eine Hüfte auf Normalmaß bedeutet in dieser Logik lebenslangen Kampf.

Zugegeben, wir bewegen uns wenig, das ist vielleicht ein Punkt. Aber wie sieht es mit der mentalen Geschichte aus? Unzufriedenheit in einer Welt, in der wir scheinbar alles möglich machen können? Überall sieht man Leute, die offensichtlich mehr haben und glücklicher sind, als man selbst.

Meine Hypothese, die ich aus meinen zahlreichen Konsumenteninterviews heraus entwickelt habe, lautet: “Ernährung in Kombination mit einer Geschichte nährt besser“.

Zukunftsmusik? Food-Stories, um es mal trendig englisch zu nennen, tragen in Zukunft zur Gewichtsreduzierung und Stabilisierung bei. Ich nenne es „Picturing“, eine Bebilderung, die man „mitisst“ und die es schafft, dem Esser mental eine 100%ige Versorgung zu signalisieren. Das „Bilderessen“ hält vor.

Die permanente Unzufriedenheit, der Heißhunger weicht.

Die Methode „Picturing“ wird derzeit in der Schmerztherapie erfolgreich getestet. Schmerzpatienten verankern mit dem Gefühl der Erleichterung, der Schmerz lässt nach ein bestimmtes Bild, das sie sich bei Schmerzen dann vor Augen rufen oder es auch direkt betrachten, um den Schmerz zu lindern.Das Klinikum Großhadern behandelt damit Migränepatienten.

Nährende Bilder und Assoziationen hat man aus der aus der Kindheit, das positive Gefühl, sich an etwas zu erinnern, wie z.B. Rhabarber im Supermarkt: Ah, Rhabarberzeit, Oma hatte den im Schrebergarten selbst geerntet und eingekocht, als Kompott oder es gab Rhabarberkuchen, Rhabarbersaft, köstlich, das könnte ich vielleicht auch mal wieder machen. Es ist die Jahreszeit dazu. Aber aufgrund von Zeitmangel, etc. greift man zur Fertigwarte und was bleibt ist wieder dieses fahle Gefühl der Unzufriedenheit.

Es sei denn, und nun komme ich mit meiner Hypothese wieder rein, man schafft es, sich zu dem fremd gefertigten oftmals industriell hergestellten Produkten auch wieder ein positives Bild zu machen. Die Werbung hat das gut drauf: Sehen sie sich als Beispiel die Bierwerbung an, Millionen von Jahren ist dieses Wasser über Gestein geflossen, bla, bla, 4 Wochen ist das Bier in unseren Fässern gereift, alles für diesen Moment. Na, wenn das kein gelungenes „Picturing“ ist!

Ich probiere das „Picturing“ jetzt mal für mich privat mit Kaffee, ich liebe Espresso. Also ich kaufe Gepa-Espresso, weil ich da die Geschichte mitfinanziere, keine Ausbeutung, Bio-Agrar-Entwicklung in Peru, die Kaffeebauern erhalten faire Preise, können von ihrer Arbeit leben. Gut. Und dann stelle ich mir noch so eine glückliche Kaffeeplantagenfamilie in ihren bunten peruanischen Hochgebirgskostümen vor, wie sie für mich mit viel Erfahrung, Liebe und Sachverstand die Kaffeebohnen ernten, die sie selbst angebaut und lange gepflegt haben und die jetzt hochqualitäts- und natürlich umweltbewusst bis zu mir in diese Tasse gekommen ist. Ich trinke einen Schluck und stelle mir die Kaffeebauern in Peru dabei noch weiter vor, wie sie mit ihren freundlichen, sonnen- und windgegerbten Gesichtern aus diesen Bilderrahmen winken, ein wenig wie die bewegten Fotos aus den Harry.Potter-Büchern, freundlich lachen sie mir zu und rufen (mit charmantem Akzent) “Du da drüben, in Europa, lass Dir unseren Kaffee gut schmecken, wohl bekomms, wir haben ihn extra für Dich angebaut und wir danken Dir, dass Du ihn gekauft hast und so unsere Arbeit ehrst und belohnst… Ah…

Bilder, wie es in Peru auf so einer Kaffeeplantage im Hochland aussieht, habe ich aus irgendeiner Reisedoku aus dem Fernsehen im Kopf, selber war ich noch nie in Südamerika. Die Kostüme, ja sogar die peruanische Musik, die diese Bauern lieben, addiere ich aus einer persönlichen Begegnung mit einer peruanischen Musikgruppe in der Münchner Fußgängerzone zu dem schönen Bild frei dazu, fertig ist die bekömmliche Assoziation, die jetzt mal aus dem Stammbaum der Imagination entsprungen ist, im Gegensatz zu der Retro-Assoziation aus eigener (Kindheits)Erfahrung.

Ich behaupte, das funktioniert genauso. Man hat als Fernseh- und Film-Generation so viele hautnah-miterlebte Bilder aus allen Teilen der Welt im Kopf, von denen das Gehirn beim massiven Picturing wohl nicht mehr unterscheiden kann, ist das jetzt aus selbst erlebtem zusammengefügt oder imaginiert? Was kümmert es das Hirn, es verbucht positive “Vips“ und das macht es einfach aus, behaupte ich nun mal keck.

Dazu befragen ich im kommenden Jahr aber auchnoch eifrig die Wissenschaftler aus der Neurologischen Fachabteilung. Ich versprech`s.

Weltauffassungen entstehen, um Probleme zu lösen. Dabei muss ein Großteil einer Bevölkerung über ein abstraktes Verständnis hinaus begreifen, dass die übliche Art des Denkens nicht geeignet ist, um anstehende Probleme zu bewältigen. (Zitat aus „What the Bleep do we know?)

In diesem Sinne, begeben wir uns auf die Spurensuche nach einer neuen Form des Sättigungsgefühls und der Zufriedenheit.

©Sylvia Schirmer, München, Oktober 2008

08.01.2010

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Mahlzeit - Unsere tägliche Kolumne zur Mittagspause in Deutschland. Übers Leben und die Mittel dazu, die (s)Kultur: aufschlussreich, besinnlich, mit einer ordentlichen Portion Humor.

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