23.01.2010 - "Gartenarbeitsschulen"
Roger Blesing, geb. 1963 in Fürth im Odenwald, Gärtner
„Meine Eltern haben von jeher selbst die Gemüseversorgung über ihren Garten bewerkstelligt. aber in der Öffentlichkeit sind immer mehr Gärten verschwunden, immer mehr Landwirte haben aufgehört. Meine Eltern könnten sich auch leisten, sich das Gemüse zu kaufen. Die machen das aber nicht, aus verschiedenen Gründen. Ich finde, dass jeder nachsehen kann, ob er nicht, bis zu einem bestimmten Punkt, selber was zu seiner Ernährung beitragen kann oder zumindest Menschen in seiner Umgebung unterstützt, die dafür Sorge tragen. Manche sagen, das macht so viel Arbeit und so viel Dreck und da hat die Werbung ja auch ordentlich reingebohrt in diese Kerbe. Meine Ambition ist, was Sinnvolles zu tun, mit einem der ursprünglichsten Wirtschaftsformen, also Gartenbau, was zu tun, gern mit Schulen, was ich ja schon gemacht habe. Ich habe hier in Berlin eine „Gartenarbeitsschule" geleitet. Das Konzept ist zu reformpädagogischen Zeiten in den Zwanziger Jahren entstanden und zwar war der geistige Überbau der, dass die Stadtkinder das gleiche erleben können wie Landkinder: Was Pflanzen und Tiere brauchen, um groß zu werden, indem man in diesem Bereich mitarbeitet. Unsere Schule gibt es so in dem Stil nicht mehr, aufgrund der Politik und der Finanzlage unseres Bezirks. Eine Gartenarbeitsschule hat seine technische Ausführungsvorschrift: Sie braucht ein eigenständiges Gelände, nicht direkt an der Schule angegliedert, dann muss es einen technischen Leiter und einen pädagogischen Leiter geben. Der Besuch der Gartenarbeitsschule gehört zum regulären Unterricht und bei uns war Bedingung, dass die Klassen eine Doppelstunde in der Woche zu uns kommen. Wir haben mit einer Grundschule kooperiert, das war erste bis sechste Klasse und das ließ sich sehr gut in den Sachkundeunterricht integrieren. Das Konzept „Gartenarbeitsschule" sieht mehr vor, als der Betrieb eines Schulgartens bietet: Die gesamte Palette, von der Aussaat über die richtige Ernte, Werkzeugkunde und dann die Verarbeitung der Lebensmittel. Wir haben mit den Kindern gekocht und gemeinsam gegessen und dabei noch über Tischmaieren und Esskultur gesprochen. Wichtig ist, dass man das in den Rahmenlehrplan integriert, denn die Schüler heutzutage sind sehr belastet, auch die Lehrer. Man kann die manigfaltigen Themen einer Gartenarbeitsschule in die verschiedene Unterrichtsstunden einbauen. Z.B. in Rechnen, 100 qm Möhren und dann hochrechnen auf Hektar, wir haben die ganzen Gewichte durchgenommen, einfach indem wir mit einer normalen Waage unser Gemüse gewogen haben. Es ist fast unbegrenzt, was man damit machen kann und das geht auch sehr gut, das hat sich in Berlin an unserer Schule gezeigt. Ich hatte auch eine Sonderschulklasse dabei, 13 bis 14 waren die Schüler. Sie hatten eine hervorragende Lehrerin, das hat sehr gut geklappt. Da waren viele hyperaktive Kinder dabei, da war der Unterricht nicht immer einfach, die Tagesform der Kinder war entscheidend. Die Gartenarbeitsschule soll man jetzt nicht in den Sonderschulstatus abschieben. Da ist es sehr toll angebracht, aber es ist für alle Schultypen ein Thema. Auch in Bezug auf die Ganztagsschule."


