17.04.2011 - Selber anbauen heißt Kompetenz und Rückenschmerzen
Feldarbeit als sinnvolle Freizeitbeschäftigung - 3 Stunden an einem Tag der Woche - welch Privileg
Morgens um 9 Uhr liegt der Nebel in den Niederungen des Chiemgaus, dahinter zeichnen die Berge. Es ist eine atemberaubende Stimmung und es ist kalt. Gleich denke ich: „Zum Glück haben wir die Salatpflänzchen letzten Samstag mit Folie gut zugedeckt und so vor dem Erfrieren geschützt." Es hat natürlich überhaupt nichts mit Glück zu tun, sondern mit der Erfahrung und Weitsicht unseres Kursleiters Hubert Jaksch. Er sagt an, was wann und wie passiert und wir folgen und haben der Erfolg. Erfolg hat bei uns Gemüseanbaulaien definitiv mit „wir folgen den guten Ratschlägen des Profis" zu tun.
Wir steuern kommende Woche auf hervorragendes Osterwetter zu. Letztes Jahr, kann ich mich erinnern, gab es zu der Zeit noch einmal Schnee. Wir decken die Salatsetzlinge vom ersten Pflanztag ab. Ein Teil der Gruppe hackt die Reihen locker und sanft durch, schiebt die Erde unter den kräftig gewachsenen Pflänzchen weg. In vier bis fünf Wochen ernten wir unseren ersten eigenen Salat. Mir erscheint das wie ein Wunder.
Ich schließe mich der Lauchpflanzgruppe an. Der vorgezogene Herbstlauch (natürlich kein Hybrid!) wurde heute Morgen schon kräftig in seinen Pflanzkisten gewässert, nun kommen die einzelnen Minilauchpflänzchen in eine tief-gefurchte Erdrinne. Bevor wir den Lauch einsetzen, ziehen wir die „Weißwurzen" heraus, so heißen die Quecken auf Bayerisch, erklärt mir Wasti. Er kommt von hier. Ich komme aus München, bin ein Stadtkind, recht unwissend was die Gärtnerei angeht, dafür umso eifriger bei der Sache, weil ich das ja noch nie zuvor machen „durfte". Ich pflanze also mit großem Elan an den drei ca. 70 Meter langen Reihen Lauch mit.
Schließlich verstehe ich, warum unsere Vorfahren die Gartengeräte mit den langen Stielen erfunden haben. Denn irgendwann tut mir mit meiner kurzen Hacke total das Kreuz weh. An dieser Stelle erwähne ich: Wir haben im Augenblick optimale Bedingungen für die Feldarbeit, der Boden ist nicht verdichtet oder trieft vor Nässe, die obere Schicht ist abgetrocknet und locker, trotzdem kostet es enorme Kraft, den Pflanzgraben zu ziehen. Ich spüre nach einer halben Stunde Pflanzarbeit schon die ersten Schwielen an den Handinnenseiten. Die Hände einer Autorin, die nicht gewohnt sind, sich kraftvoll um ein Gartenwerkzeug zu schließen. Ich verstehe, warum unsere Vorfahren alle Energie daran gesetzt haben, Maschinen zu erfinden, die ihnen die körperliche Arbeit erleichtern.
Jetzt schießen wir über dieses Ziel hinaus. Der Roboter ersetzt die Arbeitskraft des Menschen, eine absolute Neuordnung der gesellschaftlichen Strukturen ist angesagt. Auch eine Diskussion über Wertigkeit: Was bin ich als Mensch wert, wenn ich nicht arbeiten kann, weil es einfach nicht genug Arbeit gibt?
Wir haben hier auf unserem Feld nun schon verschiedene Salat- und Zwiebelsorten, Weizengras, Kartoffeln, Kohlrabi weiß und blau, Gelbe Rüben, alle möglichen Kräuter, Radieschen und Rettich gepflanzt.
Drei Stunden haben wir heute gearbeitet, eine besonders lange Feldschicht für unsere Verhältnisse, entsprechend der reichlichen Arbeit des Frühjahrs, um die Pflanzen gut und rechtzeitig in die Erde zu kriegen.
In unserer Gruppe ist eine Ärztin der chinesischen Medizin. Sie bietet uns an, zum Abschluss einige Rückenübungen zu zeigen, die uns der verrenkten Glieder gleich an Ort und Stelle in die richtige Ordnung bringen helfen. Wir sind alle heilfroh darüber und machen ohne Ausnahme mit. Es tut gut.
Wir sind müde, glücklich und zufrieden. Wir fühlen sehr großen Respekt vor den Menschen, die diese Feldarbeit jeden Tag und zehn Stunden ausüben.
Wir fühlen uns in dem Moment mit allen Feldarbeitern dieser Welt sehr verbunden, auf eine Art der durchdringenden Erkenntnis, die wohl kein gelesener Artikel in der Süddeutschen, auch kein noch so ergreifender Dokumentarfilm je in dieser Qualität uns vermitteln hätte können.
Nächste Woche starten wir auf den Terra Preta Hügelbeeten mit dem Einpflanzen. Sehr spannend, Wissen, das aus einer weit entfernten Kultur am Amazonas vor 500 Jahren stammt und jetzt wieder entdeckt wird, zu einer Zeit, da die Humusschicht der Erde „Futter" braucht, um die wachsende Weltbevölkerung zu füttern.
High Noon Tipp für kommenden Dienstag, 21 Uhr 30 fernsehen – hitec in 3SAT programmiert das Thema „Bio für die Massen" und durchleuchtet die Möglichkeiten und Grenzen der biologischen Lebensmittelversorgung. Mahlzeit.


