15.05.2011 - „Wenn´s Sopherl verregnet, regnet´s vierzig Tag.“
Der Bauernregel zufolge könnte es nun bis zum Freitag, dem 24. Juni durchregnen.
Der Regen spült die Angst vor Trockenheit wieder unter die Erde. Sie war hochgekrochen, durch die Ritzen und Risse auf den Feldern. Die ausgetrocknete Erde schrieb bereits Schlagzeilen. Wenn die Felder dursten, merkt man gleich, wie tief verwurzelt doch die Panik sitzt. Wahrscheinlich eine Mischung aus der genetischen Verankerung von Hungersnöten kombiniert mit dem zeitgenössischen Schreckgespenst des „Klimawandels".
Letzte Woche, als wir noch in der Phase der Trockenheit waren und wir auf unsere kleinen Salatköpfe auf dem Acker heruntergeblickt haben, die eigentlich hätten zum Ernten sein sollen, aber eben aufgrund der Trockenheit nicht die nötige Kraft zum Wachsen hatten, da habe ich mich bei wildesten Gedankenspaziergängen erlebt: „Vielleicht ist es doch notwendig, dass wir die Gentechnik haben und unser Essen im Chemielabor oder auf der Nährlösung im beheizten und künstlich beleuchteten Treibhaus produzieren können, eben zur Not."
Jedenfalls konnte ich mir vorstellen, dass die verantwortlichen Politiker so denken, denn die sind noch von einer ganz anderen Panik gejagt, nämlich der, etwas grundlegend zu verpassen oder zu verpatzen.
Verwunderlich ist für mich, dass dieser Mechanismus bei der Atomkraft nicht greift, oder nur allmählich. Denn das ist mir als Schülerin Ende den Achtziger schon glasklar gewesen, dass das mit der Atomkraft nichts sein kann, wenn es gar keine schlüssige Lösung für den Atommüll gibt. Von der Gefahr eines Gaus mal ganz abgesehen. (siehe High-Noon-Filmtipp am Ende des Beitrags)
Auch beim Klimawandel vermisse ich die konsequente Linie: „Achtung, Achtung, hier könnte was verpasst werden!" Aber bei der Lebensmittelherstellung greift sie tatkräftig in die natürlichen Prozesse ein: künstliche Zusätze, Wachstumsbeschleuniger, Unkraut- und Ungeziefervernichtung, künstliche Bewässerung, Zucht- und Genforschung, etc.. Wir tun alles Mögliche, um die Menschheit zu ernähren. Wir?
Wir auf dem Gemüselernfeld investieren drei Stunden pro Woche und teilen uns gemeinsam die Kosten für Saatgut, Grund und Pflege, sowie der fachlichen Anleitung. Das funktioniert wunderbar. Nun gestern: erste Salaternte. Jeder Teilnehmer schneidet sich frisch vom Feld so viele schön gewachsener Salatköpfe ab, wie er unter der Woche mit seiner Familie isst. Keiner nimmt übermäßig oder für den Verkauf. Wir sind Selbstversorger.
Nächsten Samstag kommt ein Fernsehteam vom BR und macht einen Beitrag über Selberanbauen, erzählt uns Hubert Jaksch, als es gerade aus Kübeln regnet und wir in der Scheune unterstehen. Einige Teilnehmer berichten, sie hören immer mehr von Initiativen wie unserer. Im Chiemgau, auch in den Großstädten, in ganz Deutschland, Europa und der Welt verteilt. Das ist gut so, es wird nötig werden, sagt unser Spezialist. Die Lebensmittel werden immer teurer, die Transportkosten sehr hoch. Wir reden kurz darüber, dass es auch teuer ist, die Lebensmittel im herkömmlichen Zentralsystem der großen Discounter so lange zu lagern, dass viel dabei kaputt geht und weggeschmissen wird. Mir fällt ein Interview ein, das ich zur Grünen Woche gemacht habe. Da wurde mir von einem Mitarbeiter der Berliner Tafel erklärt, dass die Discounter mit Absicht auf Überschuss und Wegschmeißen produzieren, denn weggeschmissene Lebensmittel sind in ihrer Logik auch verkaufte Lebensmittel und werden preislich umgerechnet. Ich weiß nicht, ob das stimmt, verstellen kann ich es mir schon.
Auf dem Feld haben wir Weißkohlsetzlinge und auch wieder Salat eingepflanzt. Gurken kommen nächste Woche dran. Es gibt derzeit kein hybridfreies Saatgut für Gurken zu kaufen, auch nicht bei Bingenheimer Saatgut. Hubert Jaksch hat noch ein Glas auf Reserve. Jeder von uns kriegt zwei Samen und wir achten darauf, dass wir das Gurkensaatgut selber vermehren. Einige Gurken werden dafür stehengelassen und wachsen aus, blühen und im Herbst schneiden wir sie ab. Dann werden die Samen aus den Gurken geholt, eine schöne Abendbeschäftigung. Die Samen werden im Heizungskeller gut ausgetrocknet, auch die Gläser, in denen sie gelagert werden.
Von den Melonen gibt es ebenfalls zwei Kerne pro Teilnehmer, die werden wir auf den Terra-Preta-Hügeln auf der Südseite einsetzen.
Die Tomaten und die Kletterbohnen kriegen nächste Woche Stangen und Schnüre zum Hochwachsen. Im Moment sind die kleinen Pflänzchen, die nach der Saat aufgegangen sind, mit Gewebefolie abgedeckt, weil einige Krähen unterwegs waren und die Pflänzchen herausgezogen haben. Nächste Woche kommt die Schutzfolie weg, dann sind die Pflänzchen schon groß genug, dass ihnen die Vögel nichts mehr anhaben. So viel für heute.
In der kommenden Woche gibt es täglich einen Beitrag zum Thema „Lebensmittel und Sicherheit" hier bei uns auf der Kolumne. – Mahlzeit.
HIGH NOON TIPP: Dokumentarfilm »Into Eternity« von Micheal Madsen über das erste Atommüll-Endlager in Finnland, Onkalo


